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Neue Broschüre zum Thema Jugendgewalt

Systemmeldungen:

06. März 2008

Jugendgewalt erfolgreich entgegenwirken

Neue Handreichung der Polizei und des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen zeigt Erfolgsprojekte aus der Praxis und weist den Weg für eine zukunftsorientierte Präventionsarbeit

Stuttgart – Das Thema Jugendgewalt hat in der öffentlichen Diskussion zuletzt einen besonders hohen Stellenwert erfahren. Auch die Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik sprechen für sich: Bei der Gewaltkriminalität registrierte die Polizei in den letzten zehn Jahren einen Anstieg der jugendlichen Tatverdächtigen um 22,6 Prozent von 35.908 im Jahr 1997 auf 44.025 Tatverdächtige im Jahr 2006. Auch wenn dies auf eine gestiegene Anzeigebereitschaft zurückgehen dürfte, erschrecken diese Zahlen und verdeutlichen unmissverständlich, dass die Weichen für ein gewalttätiges Verhalten meist schon in jungen Jahren gestellt werden. Deshalb ist eine frühzeitige und umfassende Präventionsarbeit ein ganz entscheidender Faktor, um Jugendgewalt erfolgreich einzudämmen. Unterstützung dazu gibt die jetzt von der Polizeilichen Kriminalprävention und dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) herausgegebene Handreichung „Gewalterfahrungen von Kindern und Jugendlichen“. Die Broschüre richtet sich in erster Linie an Kommunen, Schulen und Polizei, beschreibt aktuelle Befunde zur Entwicklung der Gewalt bei jungen Menschen und zeigt passgenau Erfolg versprechende Projekte und Handlungsansätze der Gewaltprävention im Überblick. Im Zentrum wirksamer Vorbeugungsarbeit stehen dabei Konzepte, die auf mehreren Ebenen gleichzeitig ansetzen, Jugendliche effektiver bei der Erarbeitung von Lösungen einbinden, Opfer mehr in den Blick nehmen und stärker auf geschlechtsspezifische Probleme ausgerichtet sind. Damit will die Polizei weitere Impulse für die Umsetzung von Projekten in die Praxis geben.

„Bei der Bekämpfung der Jugendgewalt allein auf Repression zu setzen, greift zu kurz und ist nur eine Seite der Medaille“, so Erwin Hetger, Vorsitzender der Projektleitung Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes und Landespolizeipräsident von Baden-Württemberg. „Die andere Seite heißt frühzeitige, wirkungsorientierte Prävention bei jungen Menschen. Dies belegen einmal mehr die Erkenntnisse und Schlussfolgerungen aus der Schülerbefragung.“

Die Broschüre fasst in Teil 1 die Ergebnisse der Schülerbefragung 2005 des KFN zusammen, die in den Städten Dortmund, Kassel, Lehrte, München, Oldenburg, Schwäbisch Gmünd und Stuttgart sowie in den Landkreisen Peine und Soltau-Fallingbostel und den Gemeinden Belm und Wallenhorst durchgeführt wurden. Fachleute der Prävention haben diese wissenschaftlichen Erkenntnisse ausgewertet und dabei Problembereiche feststellen können, in denen Präventionsmaßnahmen zur Jugendgewalt besonders dringlich sind. In Teil 2 der Broschüre werden deshalb beispielgebende, auf die Probleme und Zielgruppen zugeschnittene Präventionsprojekte aus der Praxis vorgestellt. Prof. Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen: „Ansatzpunkte für eine wirkungsvolle Prävention von Jugendgewalt bieten etwa Projekte zur Früherkennung und Verhinderung innerfamiliärer Gewalt und zur Vorbeugung von Schuleschwänzen oder die Einrichtung von Ganztagsschulen, die nachmittags einem Motto verpflichtet sind: Lust auf Leben wecken durch Sport, Musik und soziales Lernen.“

Wie die Schülerbefragung 2005 zeigt, haben viele Jugendliche bereits Gewalterfahrungen gemacht: Zwei Fünftel aller Schülerinnen und Schüler berichten, mindestens ein Mal in ihrem Leben Opfer einer Gewalttat geworden zu sein, und ein Fünftel, wenigstens ein Mal eine Gewalttat begangen zu haben. Neben der Lebenssituation in Familie, Schule und Freundeskreis spielen bei der Gewaltbereitschaft von Jugendlichen u.a. auch ihr Umgang mit modernen Unterhaltungsmedien, bestimmte Vorstellungen von „männlichem“ Verhalten sowie der Alkohol- und Drogenkonsum eine beträchtliche Rolle, so das Ergebnis der Befragung. Insbesondere junge Menschen aus Familien, in denen z.B. Gewalt ausgeübt wird, sind gefährdet, Opfer, aber auch Täter von Gewalt zu werden. Stärker betroffen sind außerdem Jugendliche mit geringen Bildungschancen und aus wirtschaftlich schwierigen Lebensverhältnissen sowie Jugendliche mit einem Freundeskreis, in dem Straftaten verübt werden. Entsprechend sind Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund in den genannten Risikogruppen relativ stark vertreten.

Insbesondere die Risikogruppen müssen in wirksame Präventionsmaßnahmen einbezogen werden. Wichtig ist, Entwicklungen schon im Vorfeld und sehr frühzeitig entgegenzuwirken, die zu einer erhöhten Gewaltbereitschaft junger Menschen führen können. „Wenn Kinder und Jugendliche in der Entwicklung von sozialen Kompetenzen unterstützt werden, macht sich das in verschiedensten Lebensbereichen positiv bemerkbar“, so Hetger. „Dies betrifft nicht nur die Fähigkeit, Konflikte gewaltfrei zu lösen. Solche Jugendliche haben meist mehr Erfolg in Schule und Beruf, seltener Alkohol- und Drogenprobleme und verhalten sich z.B. auch im Straßenverkehr weniger riskant.“

Für die Prävention von Jugendgewalt lassen sich dabei fünf Grundprinzipien nennen:

Erfolgreiche Maßnahmen der Gewaltprävention müssen auf mehreren Ebenen gleichzeitig und vernetzt ansetzen. Deshalb ist es erforderlich, neben den jungen Menschen selbst zum Beispiel auch die Eltern, Kindergärten, Schulen, die Jugend- und Sozialarbeit und die Vereine einzubeziehen. Dadurch kann jede Seite ihre besondere Kompetenz und Stärke einbringen.

  • Kinder sollten früh gefördert werden, insbesondere, wenn sie aus belasteten Familien kommen. Denn in frühen Lebensjahren können Kinder in der Regel soziale Kompetenzen besonders gut entwickeln, die vor einer Neigung zu gewalttätigem Verhalten schützen.
  • Nachhaltige, wirkungsorientierte Projekte müssen auf längere Sicht angelegt sein. Kurzfristige Präventionsmaßnahmen
  • oder Einmalaktionen sind in ihrer Wirkung in der Regel begrenzt.
  • Bei der Gewaltprävention muss auch die Seite der Opfer berücksichtigt werden. Wenn jugendliche Opfer spüren, dass sie Hilfe und Solidarität aus ihrem Umfeld bekommen und Gewalt nicht hingenommen wird, lehnen sie selbst auch eher Gewalt als Form der Konfliktlösung ab. So wird einem „Kreislauf der Gewalt“ entgegengewirkt, wonach die Gewaltopfer von heute vielfach die Gewalttäter von morgen werden.
  • Bestimmte Vorstellungen davon, was „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ bedeuten, sollten in der Präventionsarbeit je nach Geschlecht speziell thematisiert werden. Denn vor allem bei männlichen Jugendlichen haben solche Vorstellungen einen Einfluss auf die Gewaltbereitschaft.

Neben diesen allgemeinen Grundsätzen für eine Erfolg versprechende Gewaltprävention stellt die Broschüre konkrete Ansätze und Projekte aus der Praxis vor. Beschrieben werden etwa

Programme zur Unterstützung von Familien aus schwierigen Lebensverhältnissen,

  • Präventionsprojekte im Bereich Kindergarten und Schule,
  • Programme, die junge Menschen mit Migrationshintergrund erreichen wollen sowie
  • Konzepte bei jugendlichen Mehrfachtätern.

Die beispielgebenden Projekte zeigen, wie der Jugendgewalt in der Praxis begegnet werden kann und geben Anregungen für Institutionen und Berufsgruppen, die direkt oder indirekt mit Kinder- und Jugendgewalt und ihren Folgen konfrontiert sind. „Wer für sich in Anspruch nimmt, Gewaltprävention wirkungsorientiert betreiben zu wollen, der muss vor Ort in den Städten und Gemeinden ansetzen, dort wo die Probleme entstehen und die jungen Menschen leben“, so Erwin Hetger. „Die Polizei kann zwar frühzeitig auf negative Entwicklungen hinweisen und initiativ werden, doch nur wenn die kommunal und örtlich Verantwortlichen sich selbst aktiv in ein Netzwerk aus Polizei, Eltern, Kindergärten, Schulen, Jugend- und Sozialarbeit und lokalen Vereinen einbringen, können wir nachhaltig eine Eindämmung der Jugendgewalt bewirken.“

Die Handreichung „Gewalterfahrungen von Kindern und

Jugendlichen“ kann im Internet unter www.polizei-beratung.de/mediathek/broschueren heruntergeladen werden.

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